(Warum) Verdient der Finanzsektor so viel Geld?: «Wertschaffung» versus «Rentenextraktion» im empirischen Test

Forschungsseminar Wirtschaftssoziologie

Katja Rost

Montag, 12:15-13:45, dier erste Sitzung findet online in MS Teams statt; danach treffen wir uns offline sofern keine Bedenken bestehen.

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Das Forschungsseminar richtet sich an Masterstudierende des Tracks "Wirtschaftssoziologie". Im Seminar werden die Studierenden in ein aktuelles Forschungsprojekt unseres Lehrstuhls eingebunden und erlernen hierdurch den Forschungsprozess.

Das aktuelle Seminar wird sich mit dem Finanzsektor beschäftigen, welcher durch Globalisierung und Digitalisierung eine radikale Transformation erfuhr. Vom Nationalstaat losgelöst agiert eine global integrierte Industrie. Diese Transformation führte u.a. zur Explosion der Gewinne, Gehälter und Boni in Banken und Finanzinstitutionen. Aber schaffte diese Transformation auch Wert für die Gesamtgesellschaft?

Seit der Finanzkrise 2008 mehrt sich auch in der Ökonomie die Kritik, dass viele Aktivitäten des Finanzsektors nicht wertschöpfend, sondern stattdessen schädlich für die Wirtschaft seien. Eine prominente Kritikerin ist die Ökonomin Mariana Mazzucato (2018), die in ihrem Buch “The Value of Everything” argumentiert, dass wir die Wertfrage erneut stellen müssen. Die Wertfrage hat in der Soziologie mit Klassikern wie Simmel oder Marx eine lange Tradition. Allerdings seit längerem nicht mehr in der Ökonomie: In der modernen Standardökonomie hat sich – im Gegensatz zu den lebhaften Debatten der klassischen Ökonomen im 18. und 19. Jahrhundert – die unhinterfragte Meinung durchgesetzt, dass der Wert eines Gutes allein durch dessen Preis bestimmt wird. So verteidigt etwa der CEO von Goldman Sachs mit diesem Argument die hohe Bezahlung seiner Mitarbeiter, indem er behauptet, dass diese "zu den produktivsten der Welt" gehören. Dies rechtfertigt in seinen Augen auch den hohen Lebensstandard von ihm und seinen Angestellten. Aber ist das wirklich wahr? Die Expansion des Finanzsektors, die Zunahme der Vermögens- und Einkommensungleichheit und geringere Wachstumsraten lassen daran zweifeln. Kritiker monieren, dass ein Großteil der modernen Finanzwirtschaft eine Form des «Rent-Seeking» sei (Bezemer & Hudson 2016). In ihren Augen schafft der Finanzsektor keinen Wert, sondern extrahiert diesen. Eine Meinung die nicht nur von heterodoxen Ökonom*innen, sondern auch vielen Wirtschaftsvertreter*innen des produzierenden Gewerbes geteilt wird.

Im Forschungsseminar werden wir zunächst beide Sichtweisen theoretisch erarbeiten: Die "Wertschaffungs-Erklärung" des Finanzsektor entspricht der gängigen ökonomischen Theorie. Demnach holen Finanzdienstleistungen den Marktpreis ab, und die Grenzproduktivität diktiert die Vergütung. Demgegenüber vertritt die «Rentenextraktions-Erklärung» die Auffassung, dass es sich bei den Finanzierungen durch Banken und andere Akteure des Finanzsektor um eine Form von Monopolrenten zu Lasten der produktiven Wirtschaft handelt - analog zu den durch die Gutsherren im 19. Jahrhundert erzielten Einnahmen, die von den klassischen Ökonomen (Smith, Mill, Marx) als unverdientes Einkommen eingestuft wurden.

Autoren, die die «Rentenextraktions-Erklärung» vorbringen (z.B. Mazzucato 2018, Turner 2016), stützen sich in der empirischen Beweisführung typischerweise auf Korrelationen historischer Makrotrends. Beispielsweise besteht in der Schweiz ein negativer Zusammenhang zwischen dem Wachstum des Finanzsektors und dem Wirtschaftswachstum seit dem Zweiten Weltkrieg. Ist die Schweiz somit nicht Dank ihrer Banken so reich? Die vorgebrachte empirische Beweisführung reicht zur Beantwortung dieser Frage nicht aus: Die vorgebrachte Korrelation ist höchst unpräzise, insbesondere weil Drittvariablen nicht ausgeschlossen werden können und die zu Grunde liegenden Mechanismen nicht aufzeigt werden. Im Forschungsseminar wollen wir in einem zweiten Schritt versuchen, genauer zu sein und empirische Strategie erarbeiten, um zu prüfen, ob die «Rentenextraktions-Erklärung» Erklärungskraft besitzt. Wir werden uns auf Schweizer Daten stützen, um die «Wertschaffung» versus «Rentenextraktion» für den Finanzsektor der Schweiz gegeneinander zu testen.

 

 


Ansprechperson bei Fragen

 

Simon Egli