Macht, Seilschaften und Losverfahren: Das Beispiel des Basler Daig

Forschungsseminar Wirtschaftssoziologie

Katja Rost

Montag, 18:00 Uhr im Büro Katja Rost

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Das Forschungsseminar richtet sich an Masterstudierende des Tracks "Wirtschaftssoziologie". Im Seminar werden die Studierenden in ein aktuelles Forschungsprojekt unseres Lehrstuhls eingebunden und erlernen hierdurch den Forschungsprozess.

Das aktuelle Seminar wird sich mit Seilschaften und Losverfahren, und hier insbesondere dem Basler Daig beschäftigen.

Der Basler Daig ist eine im Raum Basel und in der Deutschschweiz geläufige Bezeichnung für diejenigen Familien der Stadtbasler Oberschicht, die seit Generationen das Bürgerrecht besitzen. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Gruppe, die gekennzeichnet ist durch eine ausgeprägte Selbstabgrenzung, sowohl abwärts (gegenüber Mittelstand und Unterschicht) als auch seitwärts (gegenüber «Neureichen»). Während die soziale Geschlossenheit und die Wirkungsmacht des «Daig» im 20. Jahrhunderts stark abgenommen hat, war dies im 17. Jahrhundert nicht der Fall. Einzelne Familien dominierten Zünfte, Politik und Wissenschaft in Basel. Um die Macht der Familien einzugrenzen, verfiel man auf eine ungewöhnliche Idee: Die Zufallsauswahl bei der Besetzung von Positionen.

Aus heutiger Sicht mag dies ungewöhnlich scheinen. Dennoch hat das Losverfahren eine lange Tradition in der Politik. So wurden im antiken Athen als auch in zahlreichen oberitalienischen Stadtstaaten und Schweizer Gemeinden über lange Zeiträume hinweg wichtige politische Ämter per Losverfahren zugeteilt. In Basel kam das Losverfahren nicht nur in der Politik und den Zünften, sondern auch bei der Wahl von Professoren zum Einsatz. Wie gut hat das Verfahren gewirkt? Konnte die Macht einzelner Familien des Basler Daig begrenzt werden?

Das Seminar wird dieser Fragestellung empirisch, historisch und theoretisch nachgehen. Unser Lehrstuhl forscht zu diesem Thema in einem grösseren Verbund aus Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern und Historikern bereits seit einiger Zeit. Im Seminar wollen wir mit Verfahren der soziologischen Netzwerkanalyse die Macht- und Heiratsnetzwerke der Basler Familien vor und nach Einführung des Losverfahrens näher betrachten. Es liegen zudem soziologische Netzwerkdaten zur Dogenwahl in Venedig vor. Auch dieses Wahlverfahren war wie in Basel durch Zufallselemente gekennzeichnet, um zu verhindern, dass einzelne Venezianische Familien zu viel Einfluss erhalten. Hat das Verfahren bei der Besetzung von Ämtern in Venedig funktioniert oder spielten Seilschaften unter den Familien dennoch eine grosse Rolle?


Ansprechperson bei Fragen

Dr. Malte Döhne