Sebastian Weingartner - Forschung

Kulturkonsum und Lebensstile

 

Die Erklärung von Lebensstilen in einer Gesellschaft im Wandel. Anwendung einer integrativen Handlungstheorie auf die Erklärung kultureller Praktiken
(mit Clemens Kroneberg und Jörg Rössel)
Fritz Thyssen Stiftung Az. 20.11.0.150

In den westlichen Industriegesellschaften sind seit dem Ende des zweiten Weltkrieges weitreichende Wandlungsprozesse zu verzeichnen. Diese reichen vom Wohlstandsanstieg, über die Bildungsexpansion bis hin zur Ausdehnung wohlfahrtstaatlicher Leistungen. Für die soziologische Forschung hat das zur Folge, dass sich die Bedingungen der strukturellen Analyse von Gesellschaften grundlegend verändert haben. Soziale Ungleichheiten verlaufen immer weniger an den Grenzen von klar definierten Klassen und Schichten und teilen die Gesellshaft in „Oben“, „Mitte“ und „Unten“ ein, sondern verzweigen sich in eine zunehmende Anzahl von Dimensionen. An Bedeutung gewonnen hat in diesem Zusammenhang vor allem das Konzept der Lebensstile, mit dem die Verteilung von kulturellen Praktiken, von Freizeitaktivitäten, des Konsumverhaltens und ästhetischer Geschmacksvorstellungen umschrieben wird. Lebensstile gerieten spätestens seit den 1980er Jahren vor allem deshalb ins Blickfeld soziologischer Strukturanalysen, da durch die sozial relevanten Gruppen besser ausfindig gemacht werden können als mit den traditionellen Indikatoren für Klassen und Schichten. Es wurde/wird also davon ausgegangen, dass sich mit der Bestimmung der Zugehörigkeit zu einer gewissen Lebensstilgruppe das Verhalten und die Einstellungen der Gesellschaftsmitglieder besser erklären lässt. Dabei wurde streckenweise jedoch aus den Augen verloren, dass parallel dazu die Ungleichheiten zwischen Einkommens-, Bildungs- und Altersgruppen u.a. weiterbestehen und sich im vergangenen Jahrzehnt sogar wieder verschärft haben. Lebensstile und traditionelle Strukturmerkmale sind also gleichzeitig zu beachten, will man ein vollständiges Bild gegenwärtiger Gesellschaften gewinnen.

Ziel dieses Forschungsprojektes ist es daher, den Zusammenhang zwischen traditionellen Strukturmerkmalen und Lebensstilen zu erklären. Dies soll nicht im Sinne einer bloßen Beschreibung der Korrelation zwischen diesen Konstrukten geschehen, sondern im Sinne einer handlungstheoretischen Erklärung von Lebensstilen. Denn gerade in Gesellschaften, die solch substanzielle Wandlungsprozesse durchlaufen (haben) wie die westlichen Industrienationen, sind die Bedingungen für die Aussagekraft von direkten strukturellen Korrelationen weggebrochen. Eine handlungstheoretische Herangehensweise ermöglicht es dagegen, einen stabilen Erklärungskern ins Zentrum zu rücken, mit dessen Hilfe sich der wandelnde Einfluss gesellschaftlicher Strukturen verstehen lässt.

Eine solche Vorgehensweise macht es erforderlich, neben den strukturellen insbesondere die für Lebensstile relevanten individuellen Handlungsdeterminanten zu ermitteln. Mit Rückgriff auf bestehende Versuche der handlungstheoretischen Erklärung von Lebensstilen lassen sich dafür kulturelle Präferenzen, ästhetische Orientierungen und internalisierte Routinen ausmachen, genauso wie spezifische objektiv gegebene Handlungsopportunitäten. Die Mängel dieser bisherigen Erklärungsversuche liegen jedoch darin, dass sie jeweils nur einzelne dieser Handlungsdeterminanten betrachten und deren Wirkungsweise nicht exakt bestimmen können. Diesen Mängeln wird hier begegnet, indem eine integrative Handlungstheorie – das Modell der Frame-Selektion (MFS) – herangezogen wird, um die Erklärung von Lebensstilen umfassend, allgemeingültig und präzise zu modellieren. Dadurch gelingt es, Lebensstile nachhaltig auf eine allgemeine theoretische Basis zurückzuführen und so nicht nur den theoretischen Anforderungen des gesellschaftlichen Wandels zu entsprechen, sondern auch die strukturellen Auswirkungen dieses Wandels besser zu verstehen.

 

Digitalisierung, Kultur und Ungleichheit

 

Online aggression from a sociological perspective: An integrative view on determinants and possible countermeasures
(mit Lea Stahel)
SNF-Forschungsprojekt Nr. 183204

Das Projekt integriert Erklärungsansätze zu aggressivem Online-Kommentieren in einem Modell, mitberücksichtigt explizit soziologische Einflussfaktoren und testet das Modell durch Verknüpfen von Befragungsdaten und Online-Kommentarverhalten. Zusätzlich wird die Wirksamkeit juristischer Strafen mithilfe von Interviews mit juristisch belangten aggressiven Kommentierern untersucht.

Aggressive Kommentare auf Social Media gegen Personen, Gruppen, und strukturelle Akteure sind weit verbreitet. Aufgrund negativer sozialen Folgen dieser Aggression möchte das Projekt seine Ursachen verstehen, erklären und Gegenmassnahmen ableiten. Bisherige Forschung hat einzelne ursächliche Faktoren identifiziert. Darauf aufbauend verfolgt das Projekt drei Ziele: (1) ein umfassendes, theoretisches Modell entwickeln, das diese Einflussfaktoren integriert und (2) dabei bisher kaum untersuchte soziologische Faktoren berücksichtigt (z.B. sozioökonomischer Status). Dessen empirische Prüfung wird quan-titative Befragungsdaten von Online-Kommentierern mit ihrem Kommentarverhalten verknüpfen, um relevante (psycholo-gische, situative oder soziostrukturelle) Ursachen zu identifizieren. (3) Qualitative Interviews mit Personen, die bereits für aggressives Kommentieren juristisch belangt wurden (eine bisher wissenschaftlich nicht untersuchte Zielgruppe) erlauben Einblicke in ihre Motive und die Wirksamkeit juristischer Strafen.

Die Integration theoretischer Erklärungen von aggressivem online Kommentieren und die innovative Datenlage und sozial-wissenschaftliche Forschungsherangehensweise bergen Innovationspotential und tragen bei, hitzige Diskussionen über Online-Aggression mit stabiler Evidenz zu untermauern.

 

Kulturpolitik in international vergleichender Perspektive

 

INVENT: European Inventory of Societal Values of Culture as a Basis for Inclusive Cultural Policies in the Globalizing World.
(mit Predrag Cveticanin, Susanne Janssen, Tally Katz-Gerro, Frédéric Lebaron, Jordi López-Sintas, Nete Nørgaard Kristensen, Semi Purhonen, Inga Tomic, Marc Verboord)
European Commission, Horizon 2020 Nr. H2020-EU.3.6.3.2.

The New EU Agenda for Culture (2018) represents an exceptionally significant step forward in European cultural policy. However, it seems to us that this remarkably important new focus of the EU on the sphere of culture is accompanied by theoretical and methodological challenges, which should be considered in the process of realizing the presented goals.

The changes which Europe and the world have undergone over the last thirty years are so drastic that they require a different approach to creating cultural policy. Our intention is to study how the way of life and cultural participation of European citizens has been influenced by the mega-trends of globalization, European integration and the migrations that accompany them, the digital revolution, and the rising social inequalities, and point out why this requires “social turn” in cultural policies. The bottom-up approach that we will use will also provide us with insight into multiple, often mutually contradictory, concepts of culture and understandings of societal values of culture among various social (demographic, socio-economic, ethnic, religious…) groups in European societies, and at the same time offer the foundation for new methodologies for capturing the societal value of culture.

The task that we have set for ourselves in this project is to identify, through research, the cultural and social preconditions required for the goals of the New EU Agenda for Culture to be realized. This is the overall goal of our project, aimed at supporting the values of culture vital for the preservation and improvement of the European project, by means of striving to promote identity and belonging, inclusiveness, tolerance, and social cohesion. We intend to identify the elements which need to be present in cultural policies both at the European and national levels, in order to aid the realization of the strategic objectives of the New EU agenda for culture.

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