From Recipes to Markets: Luxury Foods, Culinary Print, and Consumer Preferences in Europe, 1500–1900
Dieses Forschungsprojekt zur Entwicklung der europäischen Kulinarik verbindet wirtschaftshistorische und wirtschaftssoziologische Ansätze mit Methoden der Digital Humanities, um eine neuartige, langfristige Perspektive auf Ernährung und Esskultur in Westeuropa vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu eröffnen.
Im Zentrum steht die systematische Auswertung der kulinarischen Druckkultur. Gedruckte Koch- und Haushaltsbücher werden dabei nicht lediglich als illustrative Kulturerzeugnisse herangezogen, sondern als skalierbare empirische Evidenz für den Wandel von Konsum, Geschmack und kulinarischer Praxis interpretiert. Mithilfe eines LLM-gestützten Workflows werden historische Drucke in standardisierte, maschinenlesbare Datensätze überführt. Auf dieser Grundlage lassen sich langfristige Veränderungen in Zutatenrepertoires, Zubereitungstechniken, Rezeptkomplexität sowie in der sprachlichen Standardisierung der Kulinarik über mehrere Jahrhunderte hinweg systematisch vergleichen.
Analytisch verknüpft das Projekt diese kulinarischen Indikatoren mit zentralen makrohistorischen Prozessen, darunter Globalisierung und Fernhandel, Urbanisierung, Preis- und Einkommensentwicklungen sowie kriegs- und integrationsbedingte Schocks. Ein integraler Projektstrang („Networks of Taste“) erweitert den Fokus auf die räumliche Organisation der Spitzengastronomie und untersucht Fragen der Pfadabhängigkeit. Im Mittelpunkt steht dabei, inwiefern frühe Wissens- und Publikationsvorteile – etwa durch Editionen, Verlags- und Akteursnetzwerke sowie Reprint- und Übersetzungsströme – zur Herausbildung dauerhafter Zentren kulinarischer Exzellenz beitrugen. Für das 20. Jahrhundert und die Gegenwart werden diese historischen Wissensinfrastrukturen mit institutionellen Messpunkten gastronomischer Prominenz verknüpft, insbesondere mit standardisierten Informationen aus einem repräsentativen Sample von Michelin-Guides. Dies ermöglicht es, Statusdynamiken sowie Persistenz und räumliche Clusterbildung über Zeit und Raum hinweg konsistent zu beobachten und in einen langfristigen historischen Zusammenhang einzuordnen.
Icon: recipes by Romaldon from Noun Project (CC BY 3.0)