Dr. Thomas Volken: Regulierungserfolg in der Weltgesellschaft: (Prä)Koloniales Erbe und die Möglichkeit von Good Governance.
Vortrag vom Donnerstag, 26.03.2009
Abstract:
Seit dem Ende des Kalten Krieges hat die Thematik der guten Regierungstätigkeit – oder good governance – klar an Bedeutung gewonnen. Nach dieser historischen Zäsur, von Fukuyama gar als Ende der Geschichte proklamiert, scheinen weniger die politischen und ideologischen Loyalitäten, denn rationale, marktorientierte Regierungstätigkeit über das Wohlergehen von Nationen zu entscheiden. Dies gilt umso mehr für die abhängige Peripherie und Semiperipherie der Weltgesellschaft, denn längst sind Kredite und Hilfsprogramme von Weltbank, Internationalem Währungsfonds und reichen Zentrumsländer an politisches Wohlverhalten im Sinne von good governance gekoppelt. Good governance wirkt sich aber nicht nur über die Verfügbarkeit von internationalen Krediten und Umverteilungsmassnahmen auf Wohlstand und Lebenschancen aus. Vielmehr weisen unterschiedliche, entwicklungsökonomische und entwicklungssoziologische Befunde darauf hin, dass good governance zu mehr und zu nachhaltigerem Wirtschaftswachstum führt. Während in Bezug auf die Effekte also ein bemerkenswerter Konsens unter Wissenschaftlern und Praktikern herrscht – good governance ist gut für Wohlstand und Lebenschancen –, besteht hinsichtlich der Ursachen von good governance nur wenig Einigkeit. Als Erklärung für gutes Regieren oder Teilaspekte davon wurden bislang so unterschiedliche Faktoren angeführt wie: der gesellschaftliche Wohlstand, die Handelsoffenheit, die Verfügbarkeit von Rohstoffrenten, das herrschende Rechtssystem, die Bevölkerungsgrösse, der geografische Breitengrad, ethnische und religiöse Fraktionalisierung, das Wahlsystem, das Parteiensystem, föderalistische politische Strukturen oder der Frauenanteil in nationalen Parlamenten. So heterogen diese Erklärungsmodelle auch anmuten, so homogen sind sie in Bezug auf ihre relativ geringe historische Tiefe. Dies mag erstaunen, da sich das Argument der historischen Pfadabhängigkeit seit Douglas North auch ausserhalb (neo-)marxistischer Denktraditionen in den Sozialwissenschaften etabliert hat. Die vorliegende, vom Nationalfonds geförderte Arbeit (NFP 101512112495) greift diese Forschungslücke auf und geht anhand eines Paneldatensatzes von semi-peripheren und peripheren Gesellschaften Asiens und Afrikas im Zeitraum von 1996-2006 (n=545) der Frage nach, ob und inwiefern präkoloniales und koloniales Erbe das erreichte Niveau an good governance strukturiert haben. Dadurch lassen sich differenzierte, neue Erkenntnisse mit Blick auf modernisierungs- und dependenztheoretische Argumentationsfiguren gewinnen. Unter Kontrolle unterschiedlicher Faktoren finden wir, dass die präkoloniale sozio-politische Differenzierung die Entwicklung von good governance begünstigt, während das koloniale Erbe in seiner Wirkung tendenziell negative Effekte zeitigt. Letzteres variiert aber in seiner Wirkungsweise stark zwischen den einzelnen untersuchten Teildimensionen (politische, wirtschaftliche und soziale Transformationstiefe).
Kurzbiographie
Thomas Volken studierte von 1995 bis 2000 Soziologie, Politikwissenschaft und Sozialpädagogik an der Universität Zürich, Promotion 2002. Er ist am dortigen Soziologischen Institut als Oberassistent und als Lehrbeauftragter der Philosophischen Fakultät tätig. Seine Forschungsinteressen umfassen das breite Feld der Wirtschaftssoziologie und der politischen Soziologie wie auch die Methoden der Sozialwissenschaften. Die wichtigsten Publikationen umfassen Arbeiten zu Sozialkapital und Vertrauen, subjektive Konfliktwahrnehmung und Wohlfahrtsstaat sowie methodische Probleme der Intelligenzmessung auf Gesellschaftsebene.
