Dr. Daniel Künzler: Erfolgsbeispiel Botswana in Afrika
Vortrag vom Donnerstag, 19.2.2009
Kurzbiographie
Publikationsliste (Auswahl)
Vortrag vom Donnerstag, 19.2.2009
Abstract:
In seinem Vortrag wendet sich Daniel Künzler einem Teilthema seiner Dissertation zu: der Erklärung des relativen Entwicklungserfolgs von Botswana. Die damaligen Befunde wurden durch die zwischenzeitliche Entwicklung bekräftigt. Trotz Renteneinkommen in Form von Diamanten, Entwicklungshilfe und politischen Renten als Frontstaat ist Botswana wirtschaftlich erfolgreich. Die Wirtschaft wächst seit der Unabhängigkeit und das Pro-Kopf-Einkommen liegt deutlich höher als in fast allen afrikanischen Staaten und insbesondere in afrikanischen Staaten mit Diamanten. Einschränkend muss aber auf die beschränkte ökonomische Diversifizierung und die ausbleibenden Erfolge in der Bekämpfung von Armut und Ungleichheit hingewiesen werden. Botswana lässt sich dennoch als Entwicklungsstaat beschreiben: Eine verhältnismässig wenig korrupte Elite ist deutlich der Entwicklung verpflichtet. Sie wird von starken Persönlichkeiten geleitet, die aber nicht in Despotismus abgleiten. Die Entwicklungselite ist relativ unabhängig von gesellschaftlichen Partikulärinteressen, aber eingebettet in dem Sinne, dass sie nicht losgelöst von der Gesellschaft agieren kann. Wir haben damit eine kompetente, mächtige und somit handlungsfähige Entwicklungsbürokratie, die sich nach der Unabhängigkeit kontinuierlich aufbauen konnte. Sie konnte auch den Umgang mit Diamanteneinkommen souverän bestimmen, da diese erst entdeckt wurden, als die Bürokratie schon im Aufbau war. Im Gegenzug ist die Zivilgesellschaft relativ schwach ausgeprägt und teilweise mit Repression konfrontiert, die aber nicht in willkürliche Gewalt abgleitet. Wir haben hier ein Beispiel, in dem die Staatsklasse ihre Position nicht über ein neopatrimoniales System und klientelistische Verteilungsnetzwerke festigt, sondern über eine entwicklungsorientierte Politik. Wieso konnte nun in Botswana ein Entwicklungsstaat entstehen, obschon vom Renteneinkommen her eigentlich eher ein neopatrimoniales System zu erwarten wäre? Auffallend sind sicher einmal die günstigen Voraussetzungen. Botswana war als Protektorat nie formelle Kolonie und wurde von Grossbritannien minimalistisch verwaltet. Mangels grosser Verwaltung und militärischer Durchsetzung der Kolonialmacht konnten sich die traditionellen Strukturen verhältnismässig intakt erhalten und die traditionellen Autoritäten wurden nur mässig delegitimiert. Die Unabhängigkeit wurde nicht über einen bewaffneten Befreiungskampf mit einer revolutionären Ideologie erreicht, sondern unter der Führung der traditionellen Eliten. Insbesondere der erste Präsident Seretse Khama profitierte von diesen günstigen Voraussetzungen, indem er eine Entwicklungspolitik einschlug, die eine auf Traditionen aufbauende Modernisierung anstrebte. Kernstück der Entwicklungspolitik war der Aufbau einer Bürokratie, die von Expatriates dominiert wurde und sich deshalb durch effiziente Leistung legitimieren muss. Zur Legitimitätsbeschaffung wurde ein an traditionelle Vorstellungen anschliessender Mechanismus geschaffen: Die traditionelle Ratsversammlung im Dorf (‚kgotla’) bekommt im modernen Kontext hauptsächlich die Funktion der (nachträglichen) Legitimitätsbeschaffung und der Evaluierung einer möglichst akzeptierten Implementation bereits getroffener technokratischer Entscheide. Es handelt sich hierbei klar um die Zuweisung einer modernen Funktion für eine sich transformierende traditionelle Institution. Wie das Beispiel von Botswana zeigt, können Renteneinkommen durchaus produktiv eingesetzt werden, wenn sie in einer entwicklungsorientierten, autonomen aber gesellschaftlich eingebetteten Bürokratie anfallen. Ein Entwicklungsstaat entsteht allerdings nur unter spezifischen, historisch wohl jeweils einmaligen Bedingungen, die nicht durch Imitation reproduzierbar sind. Es ist die besondere Kombination von Expatriates mit Fachwissen und einer gewissen Autonomie auf der einen Seite und entwicklungsorientierter politischer Führung auf der anderen Seite, die als Wegscheide dazu geführt hat, dass die Renteneinkommen für eine breitere Entwicklung eingesetzt werden.
Kurzbiographie
Daniel Künzler wurde 1972 in Horgen geboren und hat an der Universität Zürich Soziologie, Politikwissenschaften und Publizistik studiert. Während seines Studiums hat er für verschiedene Unternehmen der Medien- und Kommunikationsbranche gearbeitet, aber auch quantitative und qualitative Interviews durchgeführt. In seiner Lizentiatsarbeit hat er sich aus jugendsoziologischer Sicht mit dem Lebensstil der Techno-Jugendkultur befasst. Neben einem Teilzeitpensum als Projektleiter beim WWF Schweiz schrieb Daniel Künzler an einer Dissertation mit dem Titel „Wo die Elefanten tanzen, leidet das Gras. Staat und Entwicklung in Afrika“. Nach dem Abschluss der Promotion 2004 hat er in Benin (Westafrika) mit einem lokalen Forschungsbüro ein von der DEZA unterstütztes Forschungsprojekt zur Landwirtschaftsintensivierung durchgeführt und daraufhin als „visiting scholar“ am Departement für Erziehungswissenschaften und Psychologie der Universität in Abomey-Calavi (Benin) gearbeitet. Die Resultate seines vom Schweizerischen Nationalfonds SNF unterstützten Forschungsprojektes zu Bildung und sozialer Mobilität in Benin wurden im Verlag L’Harmattan in Paris in französischer Sprache veröffentlicht. Von 2005 bis 2007 war Daniel Künzler als wissenschaftlicher Assistent am Soziologischen Institut der Universität Zürich, wo er seit 2008 als Oberassistent arbeitet. Daneben hat er als Mitarbeiter in einem vom SNF unterstützten Forschungsprojekt zu den Auswirkungen des Kolonialismus gearbeitet. Neben Lehrerfahrung in Benin hatte Daniel Künzler Lehraufträge an den Universitäten Zürich, Luzern und Fribourg sowie an der Fachhochschule für soziale Arbeit in Luzern. Daniel Künzler hat inzwischen mehr als 20 afrikanische Länder besucht und auf Deutsch, Französisch und Englisch publiziert. Seine neueren Forschungen befassen sich mit Bildung, sozialem Aufstieg und neuen Erfolgsmodellen in Afrika. Ein Vergleich von acht afrikanischen Ländern zeigt, wie Bildung immer notwendiger und gleichzeitig immer weniger hinreichend für einen sozialen Aufstieg bzw. Statuserhalt ist. Als Reaktion darauf haben sich neue Erfolgsmodelle etabliert. Neben den bekannteren Erfolgsmodellen (Migrant/Migrantin, Pastor, Entwicklungsbroker, …) liegt ein besonderes Augenmerk auf populärkulturelle Erfolgsmodelle (Videofilm, Musik) und betrugsbasierte Erfolgsmodelle (Feyman, 419scammer, ambianceur).
Publikationsliste (Auswahl)
siehe auch www.suz.uzh.ch/kuenzler
• Künzler, Daniel (in Vorbereitung): Bildungskonvergenz in der globalen Gesellschaft? Zur Veröffentlichung 2009 in einem Sammelband von August Gächter, Franz Kolland, Petra Dannecker und Christian Suter.
• Künzler, Daniel (in preparation): "The State has resigned." Transformations in the educational system of Benin, West Africa. To be published 2008/2009 in a forthcoming volume edited by Tomás Machalík, Jan Záhorík and Katerina Mildnerová.
• Künzler, Daniel (2007): “Nothing actually really changed”? Die kenianische Bildungsreform von 2003 im Lichte der sozialen Ungleichheit. In: Africa Spectrum, Vol. 42, Nr. 3, S. 507 – 517
• Künzler, Daniel (2007): L’éducation pour quelques-uns ? Enseignement et mobilité sociale en Afrique au temps de la privatisation : le cas du Bénin. L’Harmattan, Paris
• Künzler, Daniel (2007): The “lost generation“. African Hip Hop movements and the protest of the young (male) urban. In: Mark Herkenrath (ed.): Civil Society – Local and Regional Responses to Global Challenges. Lit Verlag, Wien/Berlin, S. 89 – 127
• Künzler, Daniel (2007): Nigerianische Komödien als Allegorien für kulturelle Transformationen. In: Claudia Roth, Frank Schubert, Raffaele Poli (Hg./éds.): Werkschau Afrikastudien 6 – Le forum Suisse des africanistes. Lit Verlag, Zürich/Münster, S. 179 – 192
• Künzler, Daniel (2006): Bildung für alle? Ideal und Realität in Afrika. In: HSA Hochschule für Soziale Arbeit Luzern: Werkstattheft Blockwoche "Afrika". Hochschule für Soziale Arbeit, Luzern, S. 23 – 25
• Künzler, Daniel (2004): Wo die Elefanten tanzen, leidet das Gras. Staat und Entwicklung in Afrika. Band 55 der Reihe Demokratie und Entwicklung herausgegeben von Rainer Tetzlaff und Cord Jakobeit, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg. Lit Verlag, Münster
